Die Zukunft der Frankfurter Musikschullandschaft
Vorbemerkung:
Bald ist es wieder soweit und im Deutschunterricht der 7. und 6. Klassen startet das Projekt „Meine Zeitung – Frankfurter Schüler lesen die F.A.Z.“ – kurz F.A.Z.-Projekt. Jedes Jahr bietet sich so die Gelegenheit für unsere Schülerinnen und Schüler, ihr journalistisches Talent zu erproben und eigenen Themen nachzugehen. Wie interessant und vielseitig die Artikel sind, die im Rahmen der Zusammenarbeit mit der F.A.Z. entstehen können, sieht man an den folgenden zwei Beispielen aus den vergangenen Jahren, die uns freundlicherweise eine Schülerin zur Verfügung gestellt hat:
Die Zukunft der Frankfurter Musikschullandschaft – eine Blaupause für ganz Deutschland?
Ein verregneter früher Nachmittag im Jahr 2035, jedoch gähnende Leere in den Gängen der Frankfurter Musikschule in der Schirn am Römerberg. Kein Geräusch ist zu hören, kein Kinderlachen, keine Eltern weit und breit, die mit ihren lieben Kleinen zum Musikunterricht eilen. Ein ähnliches Bild an Dr. Hoch’s Konservatorium in der Sonnemannstraße im Frankfurter Ostend vis-à-vis der Europäischen Zentralbank. Nur einige Musikstudenten bevölkern das Foyer, die nette Pförtnerin ist durch einen Empfangsroboter ersetzt und säuselt Freundliches zur Begrüßung. Kindergetrappel und reges Treiben Fehlanzeige! Auch die private Klavierlehrerin sitzt noch allein zu Hause.
So wird es nach den Prognosen des Direktors der Frankfurter Musikschule Christoph Hornbach und des Direktors des Dr. Hoch’s Konservatoriums Dr. Fabian Rieser in nicht allzu ferner Zukunft in ihren Musikinstituten aussehen. Die examinierte Frankfurter Klavierlehrerin Johanna Zerlik skizziert ein ähnliches Szenario.
Der Grund für all dies ist die sich verändernde bildungspolitische Situation laut Christoph Hornbach, die sich völlig anders darstellt als noch vor dreißig bis fünfzig Jahren. Obwohl die Frankfurter Musikschule, die als eingetragener Verein und stadtnahe Einrichtung im Auftrag des Bildungs- und Kulturdezernates der Stadt Frankfurt ein vertiefendes Bildungsangebot als Ergänzung zu den Grund- und weiterführenden Schulen darstellt, eine über 150-jährige Tradition hat und seit ihrer Neugründung im Jahre 1959 eine feste Institution in der Frankfurter Kulturlandschaft ist, müsse auch dieses Institut frei nach Gottfried Benn „die Lage erkennen“ und sich verändern. Die Schüler seien, so Hornbach, einfach immer länger in der Schule, oftmals mehr als 36 Wochenstunden, in der gymnasialen Oberstufe sogar bis zu 50. Früher verteilte sich der Schulunterricht in den westlichen Bundesländern zudem auf zwei Samstage pro Monat, doch seit der Wiedervereinigung wurden schulfreie Samstage in allen Bundesländern eingeführt, was die Stundenanzahl pro Schultag erhöhte. Außerdem rührten die langen Schultage von der Einführung der Ganztagsschulen und der zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingeführten Nachmittagsbetreuung an den Schulen her. Realität sei, dass Eltern immer mehr in die Arbeitswelt eingebunden seien und im nächsten Jahrzehnt alle Grundschulen zu Ganztagsschulen umstrukturiert würden. Somit ist in absehbarer Zeit ein Musikunterricht – an welchem Institut oder schulfernen Ort auch immer – ab dem heute üblichen frühen Nachmittag nicht mehr durchführbar. Hornbachs Fazit lautet, dass die Musikschule dahin kommen müsse, wo die Kinder sind. Deshalb gibt es mittlerweile 80 Außenstellen der Musikschule in Frankfurt. Nur 50% des Musikschulunterrichts findet heutzutage noch am Hauptsitz Schirn auf dem Römerberg statt, Tendenz fallend…
Dr. Fabian Rieser sieht die Lage ähnlich besorgniserregend. Er liebt es, wenn Kinder sein Haus beleben, in den Gängen Trubel herrscht, das Haus pulsiert, Konzerte stattfinden. Doch dazu muss sich auch sein Institut an die Lebenssituation seiner Zielgruppen anpassen. Schon heute stehen die Türen des Konservatoriums am Wochenende offen zum Üben und Unterrichten, ein gern angenommenes Angebot für viele, die unter der Woche einfach keine Zeit mehr zum Musizieren finden, gerade in den höheren Klassen der weiterführenden Schulen. Laut Dr. Rieser gibt es ein breites Spektrum an individuell zugeschnittenen Fördermöglichkeiten. Bei kulturfern aufgewachsenen Kindern müsse erst das Interesse für Musik geweckt werden. Er arbeite an der Ausweitung entsprechender Angebote ebenso wie am Bekanntheitsgrad von Dr. Hoch’s Konservatorium, wozu dessen Studierende beitragen, wie die Jazzmusikerin Yasmin Sidibe, die als Halbfinalistin bei The Voice of Germany deutschlandweit bekannt wurde.
Andererseits ist bei vielen Mitgliedern des Hoch’schen Instituts, die auf nationalem oder internationalem Parkett an Wettbewerben erfolgreich teilnehmen, unbedingt vonnöten, gezielt mit qualifizierten Musiklehrern zu fördern. Dr. Hoch’s Konservatorium solle insofern ein Omnibus für jeden Musikinteressierten sein, aber gleichzeitig im Spitzenbereich des Musiknachwuchses erstklassig. Direktor Rieser hat es sich deshalb auf die Fahne geschrieben, die städtische Musikschullandschaft enger zu verzahnen und als Angebot an die Frankfurter Bürgerschaft sowie überregional sein Institut anzupassen an die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Eine neue Musikschul-App zur passgenauen Unterrichtsplanung und Vernetzung zwischen Musikdozenten und SchülerInnnen seines Hauses erleichtert die Integration des Musikunterrichts in den Schulalltag. Zeitliche Flexibilität der Lehrkräfte ist unabdingbar, um in Freistunden oder anderen Randzeiten ihre Schülerschaft zu unterrichten.
Ähnlich geht es der selbständigen Klavierlehrerin Johanna Zerlik, die Instrumentalunterricht ganzheitlich sieht und durch das Musizieren die Körperwahrnehmung, Persönlichkeitsentwicklung sowie das Selbstvertrauen und soziale Kompetenzen ihrer Schüler fördert. Dafür werde aus ihrer Sicht immer eine Nachfrage bestehen, auch wegen der Freude, die ein musikalisches Hobby manchmal ein Leben lang bringe. Vertragliche Ausgestaltung, individuelle Unterrichtskonzepte und -zeiten sowie Aufführungsmöglichkeiten hat sie selbst in der Hand und kann auf die Kundenwünsche eingehen. Selbständigkeit berge allerdings auch ein gewisses Risiko, doch dies trage sie gerne, denn auch als Honorarkraft an Musikschulen habe man dieses Risiko bei viel engerem Entscheidungsspielraum. Leider gebe es nämlich nur wenige Festanstellungsverträge an den Musikinstituten.
An einem Wochentag gibt sie in der Nachmittagsbetreuung einer Grundschule Klavierunterricht im Rahmen einer offenen Ganztagsschule. Da sie die Kinder praktischerweise direkt an ihrem Lernort antreffe und mit anderen Instrumentallehrern Vieles aufbauen konnte, gebe es jährliche gemeinsame Konzerte. Von Digitalunterricht als flexibler Alternative zum persönlichen Unterricht vor Ort halte sie dagegen nicht viel, da sie ihn zu Coronazeiten als unzureichend erlebt habe. Viel Essentielles sei online schwer zu vermitteln. Bei Anfängern habe sich bewährt, gemeinsam vierhändig zu spielen – eine Unmöglichkeit im Videounterricht! Trotzdem biete dieser eine Möglichkeit, Schüler zu erreichen, deren Freizeit knapp ist.
Es gibt also enorme Anstrengungen und viele kreative Ansätze in der Frankfurter Musiklandschaft, um bei der Ganztagssituation an Schulen und der elterlichen Berufstätigkeit dem Nachwuchs den Zugang zu musikalischer Bildung und Instrumentalunterricht zu ermöglichen. Die Einsicht, dass dies ein notwendiges und langfristig sinnvolles Bildungsangebot ist, das unterstützt werden muss, muss noch viel stärker politischer Konsens werden. Musikalische Angebote vor Ort, jederzeit und sogar kammermusikalisch-interdisziplinär gibt es einfach nicht zum Nulltarif! Der Umbau der Musikschullandschaft für den Ganztag, der Zugang zu musikalischer Bildung für alle muss uns wert sein, fair finanziert zu werden. Honorarkräfte, die bei Krankheit ohne Lohnfortzahlung bleiben, Musikschulen, die keine Kranken- und Sozialversicherungsbeiträge für ihre MitarbeiterInnen zahlen und befristete Zeit- statt Festanstellungsverträge werden keinen Musiklehrer motivieren, diese „Extrameile“ im wahrsten Sinne des Wortes zu gehen zu den Schülern in ihren Lernorten. So werden sie sicher nicht motiviert, die zeitliche Flexibilität anzubieten, die die Ganztagsschüler von morgen benötigen!

Interview mit Dr. Fabian Rieser
Ein Gespräch mit dem Direktor des Dr. Hoch’s Konservatoriums in Frankfurt am Main am 7. Februar 2023
Sehr geehrter Herr Dr. Rieser, vielen Dank für die Gelegenheit zu einem Interview. Sie sind seit November 2022 neu im Direktorium des Dr. Hoch’s Konservatoriums. Wie gefällt Ihnen Ihr neuer Job?
Er gefällt mir sehr gut, ist aber auch sehr anstrengend. Es ist für mich eine hervorragende Möglichkeit, Dinge zu bewegen an diesem Musikinstitut.
Was haben Sie in den ersten hundert Tagen im Amt bereits erreicht?
Ich denke, es ist mir gelungen, einen neuen Spirit in das Haus zu bringen, der Kooperation und gegenseitige Wertschätzung an erste Stelle rückt. So ist es mir gelungen, eine seit über einem Jahrzehnt in Arbeit befindliche Betriebsvereinbarung erfolgreich mit dem Personalrat zur Unterschrift zu bringen. Derzeit ist eine neue Betriebsvereinbarung zur Digitalisierung des Hauses in Arbeit. Zusätzlich haben wir im nächsten halben Jahr zwei Symposien organisiert. Auch eine App des Dr. Hoch’s Konservatoriums und Fachpublikationen schweben mir in naher Zukunft vor.
Das ist ja schon eine ganze Menge. Was ist das bislang schönste Erlebnis von Ihnen am Konservatorium gewesen?
Am schönsten ist es, wenn meine kleine Tochter da ist, wie z.B. beim gestrigen Jazzkonzert. Generell sollten mehr Kinder das Haus beleben und zur Musik hingeführt werden. Ich mag es besonders gerne, wenn es hier in den Gängen laut ist und Trubel herrscht.
Was gefällt Ihnen nicht?
Leider habe ich aufgrund der Aufgabenfülle sehr viele Termine und in all dem Stress habe ich oft keine Zeit für ein Mittagessen. Das lasse ich aber gerne zu, weil mir mein Job sehr viel bedeutet. Manchmal gehe ich dafür dann auch einmal früher heim.
Was könnte man verbessern?
Das Haus muss unbedingt fit gemacht werden für das 21. Jahrhundert. Wir als musikalische Bildungsinstitution konkurrieren mit der digitalen Welt. Und insgesamt erlebt unsere heutige Gesellschaft durch die Digitalisierung einen fundamentalen Wandel, der eigentlich gerade erst beginnt. Doch anders als zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert drohen heute Arbeitsstellen quer durch die gesamte Gesellschaft wegzufallen. In diesem Umfeld muss sich der persönliche Musikunterricht im Allgemeinen und das Dr. Hoch’s Konservatorium im Besonderen bewähren und seinen berechtigten Platz in der musikalischen Bildungslandschaft unserer Stadt Frankfurt einnehmen.
Was ist Ihre Vision von Dr. Hoch’s Konservatorium?
Mein Traum ist, dass unsere Musikakademie im Dreiklang mit der Jugendmusikschule Frankfurt und der Frankfurter Musikhochschule seinen festen Platz in guter Kooperation mit den beiden anderen Instituten hat. Es soll durch die musikalische Förderung gemeinsam mit diesen beiden Organisationen eine Hilfe gegen die zunehmende Individualisierung in unserer Stadt und der Gesellschaft insgesamt darstellen und allen Schichten unserer Bürgerschaft Zugang zu Musik und musikalischer Bildung bieten. Deshalb wird es im März diesen Jahres ein Symposium zur Inklusion und im Juni 2023 ein internationales Symposium zum Thema Community Music geben. Darüber
hinaus halte ich die individuell zugeschnittene Förderung musikalisch Hochbegabter an unserem Haus für essentiell. Schlussendlich möchte ich auch, dass das Konservatorium seinen Beitrag zur Klimawende leistet, Stichwort Klimaneutralität.
Wo sehen Sie das Konservatorium in zehn Jahren?
In zehn Jahren ist das Konservatorium in meinen Augen inklusiv, integrativ, divers, klimaneutral und überregional. Die Klimaneutralität möchte ich ganz konkret durch die Installation einer Photovoltaik- Anlage auf der Südseite unseres Hauses erreichen. Erste Gespräche dazu mit Fachleuten haben bereits stattgefunden.
Des Weiteren möchte ich eine wissenschaftliche Schriftenreihe des Konservatoriums etablieren. Die Beiträge zu den beiden bereits terminierten Symposien sollen dazu als Auftakt dienen und in Buchform veröffentlicht werden. Schließlich ist aus wissenschaftlicher Sicht eine Vernetzung mit der Johann Wolfgang von Goethe – Universität sowie dem Max Planck – Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt für die Wissenschaftslandschaft und unsere Akademie eine absolute Bereicherung.
Gibt es Konkurrenz mit anderen Musikschulen in Frankfurt?
Selbstverständlich stehen wir in großer Konkurrenz zu anderen musikalischen Bildungseinrichtungen, wie privat geführten Musikschulen oder Privatlehrern sowie Online-Tutorials. Diese sind oftmals wendiger und anpassungsfähiger in unserer digitalisierten Welt. Allerdings sehe ich diese Entwicklung durchaus auch kritisch, da manch ein Musikstudent unseres Hauses durch seine Nebentätigkeit für solch eine Einrichtung aus meiner Sicht viel zu viel Zeit mit Reisetätigkeit zu den einzelnen Privatschülern verbringt, die eigentlich dem eigenen Instrumentalstudium zukommen sollten. Auch die Erfahrung des Besuchs einer Musikschule mit all ihren vielfältigen Möglichkeiten geht so verloren.
Mit der Frankfurter Musikhochschule ist allerdings in nächster Zukunft eine engere Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen geplant. Denn auch wir bieten Studiengänge an und haben gerade unseren Pre-College-Studiengang aktualisiert und neu zertifizieren lassen. Ich möchte auch nicht vergessen zu erwähnen, dass an unserer Musikakademie neben den Fächern der klassischen Musik und des Tanzes auch der weltweit älteste Jazzstudiengang beheimatet ist, der bereits 1929 ins Leben gerufen wurde.
Gibt es Kooperationen zwischen Schulen und dem Konservatorium?
Seit Jahren kooperieren wir mit der Musterschule im sog. Schulischen Zentrum zur Förderung musikalisch Begabter, mit dem auch ein Kooperationsorchester besteht, das bereits erfolgreich am Deutschen Orchesterwettbewerb teilgenommen hat. Auch mit der benachbarten Uhlandschule sowie dem Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, dem Lessing-Gymnasium und der Wöhlerschule gibt es die eine oder andere Zusammenarbeit, aber da geht noch deutlich mehr.
Was kann man Ihrer Meinung nach an der musikalischen Förderung von Kindern verbessern?
Es gibt ein breites Spektrum von Förderungsmöglichkeiten. Grundsätzlich muss die Förderung individuell sein. Bei kulturfern aufgewachsenen Kindern muss zunächst einmal das Bewusstsein für die Musik und das Interesse daran geweckt werden. Dazu schwebt mir eine breit angelegte Musikschularbeit ohne jegliche Voraussetzungen vor. Auch der Bekanntheitsgrad unseres Hauses muss vergrößert werden, wozu beispielsweise Studierende unseres Hauses als Werbeträger dienen könnten, wie kürzlich unsere Jazzmusikerin Yasmin Sidibe, die als Teilnehmerin der Fernsehsendung The Voice of Germany deutschlandweit einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde und erst im Halbfinale ausschied.
Andererseits ist es in den kulturnahen Bereichen, wie zum Beispiel bei jungen Musikerinnen und Musikern, die auf Landes- und Bundesebene oder auch auf internationalem Parkett an Musikwettbewerben teilnehmen, unbedingt vonnöten, fokussiert und repertoirebezogen zu fördern mit entsprechend qualifizierten Musiklehrern. Das Dr. Hoch’s Konservatorium sehe ich diesbezüglich als einen Omnibus für jeden an, der aber gleichzeitig auch singulär und gezielt im Spitzenbereich unseres Musiknachwuchses tätig und erfolgreich ist.
Lieber Herr Dr. Rieser, ich bedanke mich sehr herzlich für dieses aufschlussreiche und interessante Gespräch und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben.
Sehr gerne, es war mir eine Freude.
Text und Interview: Sarah Scholz Papazoglou






















