Heinrich-von-Gagern-Gymnasium Frankfurt am Main

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MEDEAS Liebe in Zeiten von G8

Text:
Birgit Vollrath
Fotos:
Heinz-Georg Ortmanns
Letzte Änderung:
03.09.2018
Verantwortliche/r:
Heinz-Georg Ortmanns

MEDEAS Liebe in Zeiten von G8

Von Birgit Vollrath

„Griechisch ist eine tote Sprache. Sich damit zu befassen: Zeitverschwendung!“
„Euripides ist ein toter Dichter, seine Medea ist eine hysterische Kindsmörderin. 2500 Jahre liegen zwischen uns: unüberbrückbar!“
„Das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium ist ein achtjähriges Gymnasium mit Lehrern, die nur noch fordern, ohne zu fördern. G8: ein Synonym für Kindesmisshandlung!“
Das ist nur eine Auswahl gängiger Vorurteile, die selten so überzeugend widerlegt wurden.
Wer an einem der vergangenen drei Abende in der Aula des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums die Aufführung der MEDEA des Euripides durch die Theater-AG erleben durfte, konnte es sehen und hören: Das kann alles so nicht stimmen. Vielleicht ist alles doch ganz anders.
Zu sehen waren Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedlicher Altersstufen, die neben Ganztagsunterricht, Klassenarbeiten und Hausaufgaben Zeit und Kraft gefunden hatten, „nebenher Theater zu spielen“, d.h. gewaltige Mengen Text zu lernen und in unzähligen Probenstunden szenisch umzusetzen. Szenische Umsetzung ist ein schwacher Ausdruck für das, was den jungen Schauspielern auf der Bühne gelungen ist. Tatsächlich haben sie mit ihrem Spiel uns das Herz schneller schlagen und den Atem stocken lassen.
Für 90 Minuten waren Theo Teigeler und Hugo Tuchtenhagen die fröhlich-unschuldigen Kinder Medeas, nicht ahnend, dass dieser mit Spielen und Lachen verbrachte Tag ihr letzter sein sollte, weil die eigene Mutter es so wollte. Jasper Stüdemann, Yannick Schlund waren die grobschlächtig-kurzsichtigen Berater des Königs zusammen mit Alexander Roth, dessen Botenbericht über den Doppelmord im Königshaus erschütterter und erschütternder nicht vorgetragen werden konnte.
Anna Laufert, Miriam de Hohenstein und Jennifer Janusch verkörperten hinreißend einfühlsam den Chor der korinthischen Frauen, die – wie auch die Zuschauerinnen – hilflos zerrissen sind von großer Sympathie für die verzweifelte Medea einerseits und von heillosem Entsetzen über den Mord der Mutter an den eigenen Kindern andererseits.
Antonia Gulde zeigte uns eine kluge Amme, die ihre Herrin besser kennt als diese sich selbst, und ihre Ängste mit einem tief bewegenden „Ach, wäre doch nie ...“ eindringlich mit uns teilte.
In Margareta Scheffer begegnete uns eine wunderbar wandlungsreiche Kreusa in all ihren Facetten: als verliebtes Mädchen, verwöhnte Prinzessin und unschuldiges Opfer.
Ein ganz großes Erlebnis war es auch, Bennet Bietz als Kreon erleben zu dürfen. Die Mischung aus beamtenhafter Korrektheit, distanzierter Verbindlichkeit und eiskaltem Machtkalkül war schlicht atemberaubend.
Ben Arnold schließlich verkörperte einen Jason, der die schwierige Verwandlung vom unsympathischen Ehebrecher zum qualvoll leidenden Opfer seiner berechnenden Vernunft bravourös und stimmgewaltig meisterte.
Und Medea? Victoria Bukogianni war Medea. Eine Medea zum Niederknien. Was man sonst nur bei den ganz Großen dieses Fachs erleben kann: Hemmungslose Liebe und grenzenloser Hass, hilflose Zerrissenheit und eiserner Wille, Stolz und Ohnmacht brauchten gar keine Worte, man konnte sie dieser Medea an den Augen ablesen. Das Feuer in den Augen Medeas – entzündet vor 2500 Jahre – leuchtete an drei unvergesslichen Abenden in den Augen eines jungen Mädchens, das erst 15 Jahre alt ist.
Wie war es möglich, dass diese noch so sehr jungen Menschen so erschütternd glaubhaft Gefühle und Gedanken verkörpern konnten, die sie – zum Glück – noch nicht einmal ahnungsweise erlebt haben? Wir war es möglich, dass die Zuschauer in der Aula unserer Schule durch das Spiel dieser jungen Menschen genau das erfahren haben, was nach Aristoteles die Wirkung einer Tragödie ausmacht und ausmachen muss: grenzenloses Mitleid, tiefes Entsetzen und ein ebenso erschütternder wie befreiender Blick in die Abgründe der eigenen Seele.
Die Antwort bleibt das Geheimnis der „alten“ Griechen und ihrer zeit- und alterslosen Zauberkraft, mit der es ihnen immer wieder auf einmalige und unerreichte Weise gelingt, den Menschen in seiner doppeldeutigen Ungeheuerlichkeit zu „ent-decken“ und uns zu zeigen, wer wir sind. Eine Kunst, die nicht nur Euripides vollendet beherrscht.
Die Antwort bleibt aber auch das Geheimnis des Zauberers, der die jungen Menschen dazu bringen konnte, bis an die Grenzen dessen zu gehen, was ihr junges Herz vermochte – und darüber hinaus. Und der die Zuschauer in die Magie der ungeheuerlichen Worte und Handlungen durch seine unnachahmliche Bildersprache unwiderstehlich hineinzuziehen vermochte: das Geheimnis unseres großen Bühnenzauberers Hans-Martin Scholder. Was Euripides hinter die Bühne verbannt hat, wagt er zu zeigen und doch auch wieder sanft zu verbergen: das grausame Ende der getäuschten Kreusa, eingehüllt in ihre kostbaren Brautgeschenke – inszeniert als poetischer Totentanz. Unvergesslich!
Kein Zauberer ohne kongeniale „Zauberlehrlinge“: Frau Hautefeuille,Herr Hermsdorf, Herr Heydel, Herr Hofmann und Herr Weschke sowie Florian Kavermann, Domagoj Duvnjak, Maximilian Schad und Lysander Baumann, ohne die letztlich keine der Aufführungen schöne Wirklichkeit geworden wäre.
Wir haben zu danken für ein ganz großes Theatererlebnis und für die beste Widerlegung eingefleischter Vorurteile, die man sich überhaupt denken kann.

Entspannter Smalltalk vor der Generalprobe
Generalprobe: Die Nachwuchsabteilung der Foto-AG wartet auf Beute
Die Film-AG nimmt ebenfalls ihre Position ein
Frau Vollrath in ihrem Element
Die ohnmächtige Amme und der Frauenchor
Kreon überbringt das Verbannungsurteil persönlich
Der Ehekrieg entbrennt
Der Chor der Frauen und Jason, verstockt
Unheil über dem Hochzeitsfest
Medea sinnt auf Rache
Der Chor der Frauen vermag Medea nicht umzustimmen

Giftiges Gold - Kreusa tappt in die Falle
Kreusa stirbt, Medea genießt ihre Rache kalt
Minutenlanger, tosender Applaus - nur zu verdient
Trotz Sturzverletzung lässt sich die Kostümbildnerin auf die Bühne begleiten
Der etwas zu bescheidene Regisseur lenkt den Beifall auf die Schauspieler
Mit Elan zur Verbeugung vor dem Publikum
Der stolze Vater der Medea spendet frenetischen Beifall
Verdienter Sonderapplaus für den Chor der Frauen
Begeistert wie das ganze Publikum: Dr. Köhler
 


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