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100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – Geschichtsfahrt der Q1 nach Colmar

Text:
Ludwig Höfle, Q1
Fotos:
Julia Kerfin
Letzte Änderung:
23.01.2019
Verantwortliche/r:
Thomas Pawletko

100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – Geschichtsfahrt der Q1 nach Colmar

Eisige Böen wehen den Sprühregen in die Gesichter von Lehrern und Schülern, die den Ausführungen der unermüdlichen Wanderführerin folgen. Die bunten Regenponchos aus dünnem Gelber-Sack-Plastik, die im Museum des Hartmannweilerkopfs an schlecht Ausgestattete für drei Euro verkauft werden, verhindern nicht, dass zumindest Beine und Füße langsam nicht mehr fühlbar sind.

Im Frontenkrieg des Ersten Weltkriegs fanden hier abwechselnd ein blutiges Abschlachten im Schützengraben und der Urlaub von an heißeren Fronten ermüdeten Soldaten statt, die wieder aufgebaut werden sollten. An diesem Tag kann man die Soldaten jedoch förmlich vor sich sehen, wie sie sich zitternd vor Kälte im Schützengraben zusammenkauern und nur zu gerne auf die kalte Dusche, die ihnen zustünde, verzichten.

Dichter Nebel wabert durch die Baumgruppen, er hebt die Atmosphäre auf ein neues Level, verhindert aber auch, dass wir die Anziehungskraft des Berges für die Kriegsparteien mit eigenen Augen bezeugen können: Der Überblick über große Teile des umkämpften Elsass war ein großer Vorteil im Kriegsgeschehen, weshalb keine Partei von dem Berg ablassen wollte, achtmal wechselte er den Besitzer. Uns wird von einem blutigen Krieg erzählt; die Heftigkeit, die Artilleriegeschütze, chemische Waffen, Bomben und Granaten mit sich brachten, muss Deutsche und Franzosen gleichermaßen überrascht haben. Die Pickelhaube aus gepresstem Leder sollte die Deutschen vor Granaten und Schüssen schützen, gleichzeitig war der Sinn des für den Bajonettkampf ausgelegten Pickels verloren gegangen.

Vielmehr blieb er im Gestrüpp hängen und findet seinen Sinn nur heutzutage in der Belustigung von Schülern, die über hundert Jahre später von dieser Kuriosität erfahren. Auch die quadratischen Stoffmützen der Franzosen boten keinen guten Schutz, ihre roten Beinkleider waren auch nicht das, was man als gute Tarnung bezeichnen würde.

Angeheizt von einem schnelleren Schritt, erkundeten wir deutsche Befestigungsanlagen, Schützengräben, teils verwinkelte Höhlensysteme und Drahtseilzüge, die zur Versorgung der Armee dienten.

Deutlich angenehmer hatten es da die Soldaten, die in der Feste Kaiser Wilhelms II. (Fort Mutzig) stationiert waren. Die zu dieser Zeit am höchsten technisierte Anlage beherbergte 7.000 Soldaten, denen täglich fast ein Kilo Brot, ein Kilo Kartoffeln und 250 Gramm Fleisch zustanden. Dazu kamen Toilettenanlagen im Wohnbereich und Dieselmotoren, die für Strom und elektrisches Licht sorgten; auch große Küchenmaschinen konnten betrieben werden. Das alles hatten die Soldaten zu Hause nicht. Bei der Beheizung der Festung wurde jedoch auf Kohleöfen gesetzt, die allerdings nur nachts arbeiten durften, da einen der Rauch vor dem Feind entblößt hätte. In den Schlafräumen schwitzten sich daher jeweils 24 Mann eng aneinander gekuschelt durch die Nacht. Der finstere Stahlbeton lässt es jedoch nicht zu, die Szenerie als heimelig zu beschreiben, auch wenn die stationierten Soldaten sich sicher nicht beklagen konnten, denn zu einem Einsatz kam es auf der Festung nie.

Betrieben wird die Gedenkstätte, die an ein aktives französisches Militärgelände angrenzt, von einem Verein. Staatliche Zuschüsse sind französischen Stützpunkten vorbehalten, der Verein finanziert sich durch Spenden und ehrenamtlich geleitete Führungen.

Etwas patriotischer unterlegt war die Führung durch den knapp 40 Jahre später erbauten französischen Artilleriestützpunkt zu Schoenenbourg, ein Teil der Maginot-Linie. Kilometerlange Stollengänge entfalten sich wie ein Schienennetz im Untergrund. Auch diese Festung befand sich auf dem neusten Stand der damaligen Technik. Dieselmotoren arbeiteten hier in Kriegszeiten für Strom; eine unterirdische Bahnanlage half, die getrennten Flügel der Festung zu verbinden, die ihre komplette Zerstörung bei einem erfolgreichen Angriff verhindern sollte.

Die Artillerieanlage war der strategische Mittelpunkt der Festung. Der klobige ein- und ausfahrbare stationäre Riesenschießstand war weniger zur gezielten Beschießung gedacht; der Schütze darin konnte nicht einmal sehen, worauf er gerade schoss. Rotiert wurde der Schießstand aus dem Untergrund heraus, nach den Anweisungen einer oberirdischen Beobachtungsstation. Alles war genaustens durchdacht: Der Schießstand ließ sich bei einem Stromausfall auch per Handkurbel ein- und ausfahren, auch Wasser- und Abluftsysteme hatten keine Schwächen: Es gab automatische Luftreiniger für den Fall eines Gasangriffs und Drainagen für die Feuchtigkeit im Untergrund.

Den Schöpfer dieser Festung und der gesamten riesigen Festungslinie, den ehemaligen Verteidigungsminister Frankreichs, André Maginot, kann man auf einer übergroßen Photographie bewundern. Bedauert wird, dass er den Erfolg der nach ihm benannten Maginot-Linie nicht mehr erleben konnte – ein Erfolg, der darin besteht, dass es auch an dieser Festung nie zu einem ernsten Einsatz kam.

Der Aufrüstungsgedanke ist an den Stätten des Ersten Weltkriegs noch eisig zu spüren. Die Natur schafft es nicht, die hässlichen Schützengräben, Betonklötze und Kriegsfestungen unsichtbar zu machen, und man ist froh, sich endlich von ihnen abwenden zu können. Dennoch bleiben die Bilder in unseren Köpfen, schockgefroren von der eisigen Kälte, die unsere Fahrt ins Elsass begleitet hat.

Ludwig Höfle, Q1

Colmar 2018
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