Zeitzeugengespräch mit Helmut „Sonny“ Sonneberg

„Das Beste ist es, in einer Demokratie aufzuwachen“

Helmut „Sonny“ Sonnenberg berichtet vor Schüler:innen der Q3 sowie der Q1 über seine Kindheit und Jugend in der NS-Zeit und das Überleben im KZ Theresienstadt.

Nach einer herzlichen Begrüßung durch unseren stellvertretenen Schulleiter, Herrn Weschke, fand das Gespräch unter strengen Corona-Schutzmaßnahmen teilweise in Präsenz sowie per Livestream innerhalb der Schule statt.

Helmut „Sonny“ Sonnenberg wurde 1931 unehelich geboren. Seine Mutter Reche, eine Jüdin, heiratete später seinen „Papa“, Fritz Wessinger, der ihn wie einen eigenen Sohn behandelt. Dass es am 30. Januar 1933 zur sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten um Adolf Hitler gekommen war, betrachteten seine Eltern mit Sorge, aber als Frau eines sogenannten „Ariers“ und hochdekorierten Soldaten des Ersten Weltkrieges fühlte sich seine Mutter sicher und wollte Deutschland nicht verlassen.

Die formelle Adoption von Sonny scheiterte leider an den hohen Kosten, dennoch unternahm sein Papa alles, um seinen Sohn zu schützen und auch vor einer Deportation zu bewahren.

Zusammen mit seiner Schwester Liselotte wuchs Sonny zunächst recht unbeschwert in Frankfurt auf. Er wurde im Dom getauft und war als Messdiener aktiv.

Der 10. November 1938 war das erste einschneidene Ereignis: Auf dem Weg zur Schule passierten seine Familie und er die noch brennende jüdische Synagoge am Börneplatz. Dass die Menschen nicht beim Löschen halfen und keiner die Feuerwehr rief, hat Sonny sehr erschüttert.

Die Repressionen wurden im Laufe der Zeit immer schlimmer: Helmut lebte fortan in einem jüdischen Waisenhaus und durfte nur an Sonntagen besucht werden. Dort war er sehr einsam, da er ja eigentlich bei seiner Familie hätte sein können. Auch Freundschaften hätten sich nicht entwickelt, da jeder zu sehr mit den eigenen Sorgen beschäftigt gewesen sei. In der Folgezeit musste die Familie ins sogenannte „Judenhaus“ im Rothschildhaus umziehen, in dem auch andere Ehepaare aus Mischehen lebten.

Als er nach zwei Jahren zu seiner Familie zurückdurfte, setzte sich seine Isolation dennoch fort. Er habe sieben Jahre, vom 7. bis zum 14. Lebensjahr, keine Freunde haben können und dürfen, musste sich immer wieder fürchten, wenn er doch auf die Straße ging, die er nur mit einem Judenstern betreten durfte. Arische Mitbürger hätten ihm jederzeit Gewalt antun dürfen. Am schlimmsten sei es aber gewesen, angespuckt zu werden, dieser Moment bleibt wie eingebrannt.

Bis heute bedauert Sonny sehr, dass ihm eine richtige Schulbildung versagt war: Nach 3,5 Jahren musste er die Schule verlassen und lernte immer nur, wenn er zusammen mit seiner Schwester Hausaufgaben machte.

Am 14. Februar 1945, als der Krieg schon fast verloren war, wurde die letzten 300 Juden an der Großmarkthallte zusammengetrieben und aus Frankfurt deportiert, über Lautsprecher wurde verkündet: „Frankfurt ist endlich judenfrei“. Zu den Deportierten gehörten auch Helmuts Mutter und er selbst.

In Viehwagons war Sonny über 4 Tage unterwegs, bis seine Mutter und er in Theresienstadt (nahe Prag) ankamen. Dort waren sie getrennt untergebracht, konnten sich aber immer wieder sehen. Sonny hat verschiedene Tätigkeiten übernehmen müssen, war als Gärtner, Schreiner oder in den Glimmerbergwerken tätig. Die Mutter unternahm alles, um ihren Sohn mit ihren kargen Rationen zu unterstützen. Diese bestanden aus Graupensuppe, sowie maximal einmal wöchentlich ausgegebenem 500gr Brot, je 50g Butter und Zucker. Verstörend wirkten auch die ständigen Transporte, Kinder wie auch erwachsene Lagerinsassen verschwanden von einem Moment auf den anderen. Schockierend war der Anblick von verlegten Insassen anderer Konzentrationslager, die in Theresienstadt im Frühjahr 1945 ankamen, mehr Skelett als Mensch.

Sonny überlebte die Strapazen der Gefangenschaft, wog nach seiner Rückkehr, eben 14 Jahre alt geworden, aber nur noch 27kg.

Die Jugendzeit in Frankfurt jedoch war für Sonny fast noch schlimmer gewesen als die Zeit in Theresienstadt. Angst habe immer vorgeherrscht, ein Nachbar sei nach dem Hören von BBC London verhaftet worden und nie wieder zurückgekehrt. Hinzu kamen die Fliegerangriffe und die regelmäßige Flucht in die Luftschutzbunker. Seine Träume waren in den „dunklen Jahren“ davon dominiert gewesen, dass der Krieg endlich beendet werde und er keinen Stern mehr tragen müsse.

Als Fußballfan der Frankfurter Eintracht ist Sonny neben der errungenen Deutschen Meisterschaft 1959 auch der WM-Sieg 1954 besonders in Erinnerung geblieben. Verstörend sei jedoch gewesen, dass es in diesem Zusammenhang zum Hissen von Hakenkreuzfahnen in Sachsenhausen gekommen sei. Vielleicht war dies, sowie die Kontinuität ehemaliger Nazis in gewissen Positionen auch der Grund dafür, dass Sonny fast 70 Jahre geschwiegen hat. Zu groß waren Angst und Scham über die erlebte Ausgrenzung. Erst die Zusammenarbeit mit dem Eintracht-Museum hat in den vergangenen zwei Jahren zu einem Umdenken und einem Besuch der heutigen Gedenkstätte geführt, wie filmisch dokumentiert wurde: https://www.youtube.com/watch?v=SI94R6Pgkno

Rachegelüste habe er nie gehabt, dennoch habe er eine große Trauer über verpasste Chancen und auch die inneren Narben seien geblieben. Er sei in seinem Leben jedoch zufrieden gewesen, so dass auch seine Seele gesund geblieben sei.

Abschließend richtet er einen eindrücklichen Appell an unsere Schüler:innen, sich immer selbst eine Meinung zu bilden, kritisch zu sein und gegen jede Form von Diskriminierung vorzugehen.

Dafür, dass er uns heute am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, über sein bewegtes Leben berichtet hat, sind ihm alle Beteiligten sehr dankbar.

Vielen Dank auch an Herrn Dr. Fachinger vom Bistum Limburg, der das Gespräch in Zusammenarbeit mit Herrn Raab ermöglich hat.

Biographie von Helmut Sonnenbergs Schwester:  Lilo Günzler, „Endlich Reden“. Lilo Günzler war 2014 bei uns an der Schule zu Besuch: https://archiv.hvgg.de/index.php?mode=article&id=2451&navid=291

Text: Iris Hofmann, Fotos: Hendrik Raab

Creative Writing-Tipps aus erster Hand

„Wenn Du nicht weißt, wie Du Deinen Protagonisten beschreiben kannst, dann: Handlung, Handlung, Handlung!“

Unsere Mitgliedschaft im Netzwerk Literarisch aktiver Schulen in Hessen machte es möglich, dass wir am 16.09.2021 im Landesmuseum Darmstadt einen Workshop zum Creative Writing mit dem Schriftsteller Fayer Koch besuchen konnten.

An dieser Fortbildung mit dem Titel „Von Odysseen, Heldengeschichten und eigenen Irrfahrten“ nahm eine Gruppe von 4 Schüler:innen, bestehend aus Alicia, Bouchra, Julian und Kira (Q1), und den beiden Kolleginnen Dr. Jazo und Hauk teil.

„Fayer Koch (Jahrgang 1989) gehört zu den absoluten Geheimtipps in der creative writing- Szene“, schwärmte Frau Dr. Schellenberger-Diederich, Fachberaterin und Koordinatorin für Literatur (Hess. Kultusministerium) und Leiterin des Arbeitskreises Literarisch aktiver Schulen. Nach diesen Worten begrüßte sie alle Teilnehmenden aufs herzlichste.

Wir starteten mit einer eigenen Selbstvorstellung nach einem Textmodell von Yoko Ono, der Witwe des legendären Beatles-Mitglieds John Lennon. Dank der unkonventionellen und direkten Art des jungen Autors verflog die anfängliche Scheu der Teilnehmenden, ihre Eigenproduktionen einem fremden Kreis vorzustellen, erfreulich schnell.

Vom Lesenden zum Urheber von literarischen Texten zu werden, gleiche laut Fayer einem „umfänglichen Perspektivwechsel“.

Dann erhielten wir einige Regeln zum Schreiben, die man hier und da paradoxerweise ruhig auch ganz bewusst brechen dürfe: Wer nicht wisse, wie sich zum Beispiel ein Charakter beschreiben lässt, müsse dessen Handeln einfach unentwegt weiter beschreiben, damit erstmal etwas passiert. Generell sei es gut, sparsam mit Adjektiven umzugehen. Und:  Außerdem sei Zeitdruck ausgesprochen hilfreich, um produktiv sein zu können. Fayer Koch bekannte, es gefiele ihm gar nicht, wenn er wüsste, der liebe lange Tag läge unbegrenzt vor ihm.

Anschließend besuchten wir die Ausstellung von Beuys‘ Ulysses mit dem etwas sperrigen Titel: „Beuys verlängert im Auftrag von James Joyce den Ulysses um sechs weitere Kapitel“. Allein der Auftrag sei da schon eine Provokation gewesen, erklärte die Kuratorin Dr. Mechthild Haas. Denn der irische Schriftsteller (1882 – 1941) war ja zum Zeitpunkt der Erteilung dieses angeblichen Auftrags bereits verstorben. Beuys sei ein großer Anhänger von Joyce gewesen. Das konstante Auftreten des Künstlers mit den für ihn typischen „Requisiten“ Hut und Stock war, so ist die Kuratorin überzeugt, eine einzige Huldigung des berühmten Erzählers aus dem hohen Norden. Vermutlich zwischen 1957 – 61 hat Beuys in sechs DIN-A5-Heften mit insgesamt 750 Seiten und 355 Zeichnungen die Themen des Joyce‘schen Romans weitergeführt.

Wir hatten nun die Aufgabe, eine der gestalteten Seiten des Beuys‘schen „Bildromans“ zum Anlass unserer eigenen kreativen Schreibproduktion zu nehmen. Die Auswahl blieb der Gruppe überlassen. „Die Gruppe der Teilnehmenden im intensiven Schreibflow zu erleben, erzeugte im Ausstellungsraum eine dichte und spannungsvolle Atmosphäre“, stellte Frau Dr. Schellenberger-Diederich anerkennend fest.

Unsere literaturbegeisterten Oberstufenschüler:innen waren sehr angetan, wie ihre Statements belegen:

Alicia: „Eine äußerst interessante Erfahrung, die ich mit auf den Weg nehmen werde. Danke an Fayer Koch und Dr. Erika Schellenberger-Diederich, die uns so gut und ausführlich durch das ganze Programm geleitet und es uns ebenso ermöglicht haben, diverse Leute kennen zu lernen, die sich ebenso gerne mit dem Bereich Literatur beschäftigen.“

Bouchra: „Der Schreibkurs in Darmstadt war eine sehr spannende und bereichernde Erfahrung. Wir sollten aus Bildern der Ausstellung eine Geschichte schreiben, wobei wir unserer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Hierzu wurden wir von Fayer Koch über die Grundlagen des Schreibens aufgeklärt, die mir die Augen für die Schreiber:innen-Perspektive geöffnet haben. Meine Erwartungen an die Veranstaltung wurden nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen.“

Julian: „Als besonders eindrucksvoll empfand ich den Perspektivwechsel aus der Rolle des Lesenden in die Rolle des Schreibenden, besonders im Kontext von Beuys‘ Verlängerung des Ulysses! Das uns von Fayer Koch an die Hand gegebene Wissen hat uns hierbei zu spannenden Ergebnissen inspiriert.“

Kira: „Unser Schreib-Workshop im Landesmuseum Darmstadt war sehr inspirierend und hat zum weiteren Nachdenken angeregt. Nach ausführlichen Erklärungen von Fayer Koch, wie man möglichst einfach gute Texte verfassen kann, durften wir selber zu den außergewöhnlichen Bildern aus Joseph Beuys‘ Ausstellung etwas Weiterführendes verfassen.“

Für die Fachschaft Deutsch

Fatima Hauk