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Zweitzeugen zu Gast am HvGG: „There are so many questions you never thought to ask.“
Auch in diesem Jahr besuchten wieder Gäste des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt“ das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium – auf Einladung der Stadt Frankfurt reisten sie aus Großbritannien, Kanada und den USA an.
Beim diesjährigen Besuch der sogenannten Zweitzeugen – Nachfahren jüdischer Zeitzeugen in erster Generation – berichteten David und Eric Rothschild, Barbara Federman-Graham, Michael und Yaakov Stern sowie Rina Nentwig von ihren Familiengeschichten. Diese sind geprägt durch die Verfolgung in der NS-Zeit, aber auch durch Neuanfänge in Großbritannien, Israel, den USA und Kanada.
Das Gespräch fand in diesem Jahr aufgrund der parallel stattfindenden Abiturprüfungen in kleinerem Kreis statt.
Zu Beginn wurden die Gäste von Frau Knueppel, Frau Hofmann und Herrn Dr. Köhler begrüßt. In der Aula unserer Schule folgte eine eindrucksvolle musikalische Darbietung der Band „The Hornets“ – vielen herzlichen Dank an die vier beteiligten SchülerInnen!
Die anschließende Führung über das Schulgelände erhielt besondere Bedeutung, da sowohl die Mutter von Barbara Federman-Graham als auch der Großvater von Rina Nentwig die frühere Samson-Raphael-Hirsch-Schule besucht hatten, die einst auf dem Gelände unseres heutigen Neubaus stand.
Auch der Großvater der Brüder Rothschild war einst Schüler am Kaiser-Friedrich-Gymnasium, wie das HvGG früher hieß.
Besichtigt wurden unter anderem die Gedenktafeln am Eingang und im ersten Stock, die an die Geschichte der ehemaligen jüdischen Schule erinnern. Ein weiterer besonderer Moment war das Innehalten an der Kastanie auf dem Schulhof – sie stand dort bereits vor über 80 Jahren und war vielen Familienmitgliedern der Gäste noch in Erinnerung geblieben.
Stimmen der Gäste: Zwischen Erinnerung und Gegenwart
David und Eric Rothschild (*1948 und *1957), begleitet vom Historiker und Autor Markwart Herzog, berichteten von ihrem Großvater David Rothschild – einem Arzt, der in Bad Soden und Frankfurt praktizierte und ein begeisterter Anhänger des FSV Frankfurt war. Trotz der zunehmenden antisemitischen Repressionen wollte er Deutschland nicht verlassen: Als Träger des Eisernen Kreuzes aus dem Ersten Weltkrieg fühlte er sich dem Land tief verbunden. Seine Frau hingegen begrüßte die Auswanderung – nach der Emigration nach Schweden verstarb der Großvater jedoch kurze Zeit später.
Ihr Vater – der die Flucht 1934 über Italien, Belgien und England schaffte – sprach nie mit seinen Söhnen über die Familiengeschichte.
„The invitation by the City of Frankfurt shows how times have changed“, sagten die Brüder.
Sie berichteten auch von der schwierigen Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in Kanada in den 1940er Jahren. Nur wenige wurden aufgenommen – und viele zunächst interniert. Als sogenannte “Enemy Aliens” erfuhren sie auch dort Diskriminierung.
„Why do we have to remember Jews and what we did to them?“, werde in Kanada noch heute gefragt.
„Germany has moved on – Canada still has to. Your future is hopefully a bright one.“
So fassen die Brüder ihre Eindrücke zusammen – und richten zugleich einen Appell an die junge Generation.
Barbara Federman-Graham aus Großbritannien berichtete von ihrer Mutter, die in Frankfurt geboren wurde und durch einen Kindertransport gerettet werden konnte. Das „in ihre Fußstapfen treten“ bedeute ihr viel, um dem Leben ihrer Mutter nachzuspüren.
„There are so many questions you never thought to ask.“
Sie sei sehr dankbar für den Besuch – viele der offenen Fragen, die sie sich im Laufe der Jahre gestellt hatte, konnten nun zumindest teilweise beantwortet werden. Ihr Wunsch an die heutige Generation: Fragt, solange ihr noch könnt.
Rina Nentwig schilderte abschließend die bewegende Geschichte ihrer Mutter, die ebenfalls durch einen Kindertransport gerettet werden konnte. In einem niederländischen Versteck schrieb ihre Mutter Tagebuch – ihre Einträge ermöglichen heute eine präzise Rekonstruktion ihrer Erlebnisse.
Diese können auch im Jugendbuch „Zu keinem ein Wort“ nachgelesen werden.
Rina Nentwig selbst wurde in Israel geboren und lebte später in Frankfurt – ihre Biografie verbindet unterschiedliche kulturelle und historische Kontexte.
Ein bewegender Besuch – mit nachhaltiger Wirkung
Wir danken unseren Gästen herzlich für ihre Offenheit, ihre Geschichten – und ihre Bereitschaft zum Dialog.
Das Gespräch wird uns noch lange begleiten.
Ein besonderer Dank gilt Mechthild Gunkel und Dr. Nadja Schäfer, die die Gäste betreut und begleitet haben.
Text: Iris Hofmann
Fotos: Iris Hofmann und Nadja Schäfer
https://hvgg.de/wp-content/uploads/2025/08/IMG_2292.jpg9601280Leonore Flackehttps://hvgg.de/svg/HvGG_kreis_Text.svgLeonore Flacke2025-07-11 15:01:412025-08-17 15:07:34Zweitzeugen zu Gast am HvGG: „There are so many questions you never thought to ask.“